Boris Tramm

ist Senior Vice Pres­i­dent und Leit­er Investor Rela­tions bei der OSRAM Licht AG, einem weltweit führen­den Lich­tun­ternehmen mit Sitz in München. Er ver­fügt über vielfältige Erfahrung im Bere­ich der Kapitalmarkt­kommunikation inter­na­tion­al ori­en­tiert­er Unternehmen.

Dr. Jür­gen Spanheimer

ist Senior Vice Pres­i­dent, Chief Account­ing Offi­cer und Cor­po­rate Con­troller bei der OSRAM Licht AG. Er hat langjährige Erfahrung in der Finanzpub­liz­ität kapitalmarkt­orientierter Unternehmen und hat seit sein­er Dis­ser­ta­tion zur inter­na­tionalen Rech­nungsle­gung diverse Beiträge für ein­schlägige Fach­pub­lika­tio­nen verfasst.

Investor Rela­tions

Quartalsbericht­erstattung revisited
Der Ansatz von Osram 

Von Boris Tramm und Jür­gen Span­heimer / Illus­tra­tion: Anne Lück

Die Quar­tals­berichter­stat­tung als gängige Investor Rela­tions-Prax­is unter­liegt derzeit einem Wan­del – zumin­d­est in Europa. Auf EU-Ebene hat der Geset­zge­ber die Veröf­fentlichungspflicht aufge­hoben, in Deutsch­land wird jedoch für kap­i­tal­mark­to­ri­en­tierte Unternehmen eine Quar­talsmit­teilung gefordert. Wie hat diese konkret auszuse­hen? Osram hat einen Ansatz gefun­den, der beim Kap­i­tal­markt ankommt.

«Weg mit dem Denken in Quar­tal­en» lautete jüngst der Titel eines Gast­beitrags in der «Wirtschaftswoche» – eine poten­ziell irri­tierende Forderung, galt doch eine möglichst umfan­gre­iche Quar­tals­berichter­stat­tung lange als das Mass aller Dinge. Nun also die Gegen­be­we­gung? Sin­ngemäss heisst es in dem Beitrag, Kurzfristziele ver­leit­eten zu Kurzfrist­mass­nah­men; die als nach­haltiger emp­fun­dene Langfrist­sicht gehe ver­loren. Pub­lizierung im Stakka­to-Takt erhöhe die Volatil­ität an den Finanzmärk­ten, anstatt sie zu reduzieren. Hinzu komme der Koste­naspekt bei den betrof­fe­nen Unternehmen. In diese Stim­mungslage passt die Entschei­dung der Deutschen Börse im ver­gan­genen Herb­st, von Unternehmen des Prime Stan­dard im ersten und drit­ten Quar­tal nur noch ein Min­dest­mass an Infor­ma­tio­nen in Form ein­er Zwis­chen­mit­teilung zu fordern. 

Berichter­stat­tung­sprax­is auf dem Prüfstand

Seit Beginn der Börsen­notierung im Som­mer 2013 veröf­fentlichte die Osram Licht AG quar­tal­sweise in ein­er zweistu­fi­gen Sequenz zunächst vor­läu­fige Zahlen, gefol­gt von einem vol­lum­fänglichen Zwis­chen­bericht rund zwei Wochen später. Dieser war zwar über 30 Seit­en stark, enthielt jedoch dank den bere­its bekan­nten Quar­talsergeb­nis­sen eher gerin­gen Neuigkeitswert. Auswer­tun­gen der Inter­net-Abrufzahlen bestätigten interne Ver­mu­tun­gen: Das öffentliche Inter­esse an einem lan­gen, im Fliess­text for­mulierten Bericht hielt sich in Gren­zen. Für Presse, Ana­lysten und Inve­storen war mit der Vor­lage der vor­läu­fi­gen Geschäft­szahlen die Quar­tal­s­analyse abgeschlossen. Angesichts dieser Erken­nt­nisse luden die reduzierten reg­u­la­torischen Erfordernisse dazu ein, die Berichter­stat­tung­sprax­is bei Osram auf den Prüf­s­tand zu stellen.
Auf­grund der Ter­min­lage musste das Unternehmen eine Entschei­dung tre­f­fen, ohne auf Bench­marks zurück­greifen zu kön­nen. Das Osram-Geschäft­s­jahr begin­nt am 1. Okto­ber, und so fusste die Neugestal­tung der Q1-Berichter­stat­tung im Jan­u­ar 2016 beina­he gän­zlich auf inter­nen Erwä­gun­gen. Eine nahe­liegende Option wäre unter diesen Umstän­den gewe­sen, alles beim Alten zu belassen und etwaige Änderun­gen dann zu imple­men­tieren, wenn sich eine Best Prac­tice her­aus­ge­bildet hat. Die beteiligten Zen­tral­bere­iche – Investor Rela­tions und Cor­po­rate Account­ing – hat­ten jedoch den Ehrgeiz, die geschaf­fe­nen Freiräume sofort und inno­v­a­tiv im Sinne ein­er adres­saten­gerechteren Kap­i­tal­mark­tkom­mu­nika­tion zu nutzen.

Die Quar­talsmit­teilung im Präsentationsformat

Im ersten Schritt wurde entsch­ieden, kün­ftig zum ersten und drit­ten Geschäft­squar­tal lediglich ein Doku­ment – die Quar­talsmit­teilung – an einem Ter­min zu pub­lizieren; dies ins­beson­dere auch angesichts der wach­senden Kri­tik an Dis­clo­sure Over­load. Als zen­trales Berichts­for­mat zur Veröf­fentlichung der vor­läu­fi­gen Zahlen hat­te sich die Präsen­ta­tion für den Ana­lysten-Call etabliert. Aus dem Wun­sch her­aus, dieses bewährte Doku­ment beizube­hal­ten, wurde die Idee geboren, es zur Quar­talsmit­teilung aufzuw­erten und mit einem Präsen­ta­tions­for­mat ins Ren­nen zu gehen. Hierzu waren einige Anpas­sun­gen nötig: Während in ein­er Präsen­ta­tion mündliche Erk­lärun­gen Inter­pre­ta­tio­nen liefern, muss eine Quar­talsmit­teilung in sich aus­sage­fähig sein. Allzu kurze Stich­punk­te oder kom­plett unkom­men­tierte Grafiken wur­den also inhaltlich aufgew­ertet. Das früher rein englis­che Doku­ment war ausser­dem ins Deutsche zu übersetzen.

Pos­i­tives Feed­back vom Kapitalmarkt

Die Frage des – gemäss Börse­nan­forderung möglichen – Weglassens von Finan­cial State­ments wurde dahinge­hend beant­wortet, dass weit­er­hin Bilanz, Gewinn- und Ver­lus­trech­nung sowie Kap­i­talflussrech­nung als Annex gezeigt wer­den soll­ten. Durch eine Stre­ichung dieser Infor­ma­tio­nen wären wichtige Adres­sat­en ver­prellt wor­den. Wie sich im Nach­gang zeigt, lag Osram mit dieser Entschei­dung richtig. Auch ins­ge­samt kon­nte das gewählte For­mat die Kernziel­grup­pen – Ana­lysten, Inve­storen, Medi­en – überzeu­gen. Gelobt wer­den ins­beson­dere die klare grafis­che Auf­bere­itung und die präzise Zusam­men­fas­sung wesentlich­er Infor­ma­tio­nen zum Geschäftsver­lauf. Für Anklang sorgt auch die Kon­ti­nu­ität über alle Quar­tale: Obwohl der reg­u­la­torischen Anforderung mit einem Zwis­chen­bericht für die ersten sechs Monate Genüge getan wird, gewährleis­tet Osram mit ein­er durchgängig pro­duzierten Mit­teilung auch im zweit­en Quar­tal die volle Trans­parenz über die Drei­monat­szahlen. Mit­tler­weile hat Osram somit drei Quar­tale im neuen Modus offen­gelegt und auch aus Fachkreisen Feed­back erhal­ten. Seit dem Q3-Abschluss im Juli 2016 ist ein­führend zur Zwis­chen­mit­teilung ein einord­nen­des CEO-State­ment enthal­ten, wom­it ein Kri­tikpunkt aufge­grif­f­en wurde.
Der Blick über den Teller­rand zeigt, dass eine Vielzahl unter­schiedlich­ster Ansätze möglich ist, viele Unternehmen also von den neuge­wonnenen Frei­heit­en Gebrauch machen. Nach ein­er War­burg-Studie pla­nen jedoch 26 Prozent aller befragten Unternehmen (noch) keine Änderung ihrer Berichter­stat­tung. Hier mag der Wun­sch eine Rolle spie­len, das Her­aus­bilden eines Stan­dards abzuwarten. Osram hat sich entsch­ieden, Impulse zu geben und zur Entwick­lung dieses Stan­dards beizutragen. 


Prax­is der neuen Quartalsberichterstattung

Der Deutsche Investor Rela­tions Ver­band (DIRK) hat die reg­u­la­torischen Änderun­gen zum Anlass genom­men, die Prax­is der quar­tal­sweisen Berichter­stat­tung bei deutschen Unternehmen gemein­sam mit Wis­senschaftlern der Tech­nis­chen Uni­ver­sität Darm­stadt unter Leitung von Prof. Dr. Dirk Schiereck zu unter­suchen. Aus­gewählte Ergeb­nisse im Überblick:

Der DIRK hat zudem einen Best Prac­tice Guide «Quar­talsmit­teilung der Zukun­ft» veröf­fentlicht, der den reg­u­la­torischen Rah­men, Prinzip­i­en, Prax­is­beispiele, Inve­store­nan­forderun­gen und inter­na­tionale Ver­gle­iche anbringt.