Ingo Speich

ist seit August 2004 im Portfoliomanagement bei Union Investment tätig. Die Union Investment Gruppe ist einer der grössten deutschen Asset Manager für private und institutionelle Anleger. Als Leiter Nachhaltigkeit und Engagement ist der Chartered Financial Analyst (CFA) für nachhaltige Investments, Corporate Governance und aktives Aktionärstum zuständig.

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Rettet die Generalversammlung! 

Von Ingo Speich / Illustration: Anne Lück

Die Generalversammlung steckt in der Krise – nicht nur in der Schweiz oder in Deutschland, sondern international. Dabei ist das physische Zusammenkommen von Unternehmensleitung und Aktionären mehr denn je von Relevanz. Ein Appell für eine Reform der «echten» GV.

Langweilige Reden, immer schlechteres Essen, und wesentliche Entscheidungen stehen oft schon vorher fest. Viele empfinden die althergebrachten Aktionärstreffen als nicht mehr zeitgemäss. Das stimmt – und wäre doch ganz leicht zu ändern (siehe Empfehlungen).

Lästiger Pflichttermin

Für viele Unternehmen ist die Generalversammlung ein lästiger Pflichttermin; auch das Gros der Aktionäre empfindet die Veranstaltung oft als zäh und langatmig. Regelmässig prallen bei den Treffen Welten aufeinander: Während Kleinaktionäre bei Würstchen und Kartoffelsalat Smalltalk treiben oder sich über Skandale echauffieren, müssen die Protagonisten auf dem Podium den ganzen Tag konzentriert Rede und Antwort stehen, um juristischen Fallstricken und Anfechtungsklagen von Berufsklägern zu entgehen. Kein Wunder, dass bei mancher Generalversammlung weniger als ein Prozent des Aktionariats physisch anwesend sind. Auch viele institutionelle Investoren nehmen ihre Stimmrechte nicht wahr. Das ist gefährlich – für Unternehmen und Anteilseigner, wenn die anwesenden Stimmen bei geringer Präsenz des stimmberechtigten Kapitals doppelt oder dreifach zählen und sich womöglich Partikularinteressen durchsetzen.

Abstimmungen «erzwingen»

Die Generalversammlung hat als primären Zweck die Beschlussfassung. Um diesem einen höheren Stellenwert zu geben, sind nicht nur die Unternehmen gefordert. Von regulatorischer Seite ist Unternehmen einerseits eine stärkere Rechtssicherheit in Bezug auf Ablauf, Beschränkung von Redebeiträgen und Möglichkeiten der Anfechtung zu geben. Andererseits sind sowohl Institutionelle – insbesondere passive Investoren – zur Abstimmung zu «zwingen» als auch Depotbanken gefordert, ihre antiquierten Praktiken und Strukturen zu erneuern, um die Abstimmungen zu erleichtern und Kosten für Investoren zu senken. Mit der EU-Aktionärsrechterichtlinie ist der Regulator im Begriff, diesen Weg zu beschreiten, zumindest in Europa. Unternehmen erhalten damit jedoch keinen Freibrief, auf den Regulator zu warten.

Aktionärsdemokratie und Investorendialog

Die Attraktivität von GVs wird nicht unbedingt dadurch gestärkt, dass die Unternehmen bei der Veranstaltung sparen, wo sie nur können. Das war früher anders, als die Veranstaltung als Hochglanzplattform für das Produktportfolio genutzt wurde und die oft erstklassige Verpflegung den guten Eindruck unterstreichen sollte. Das nahm mitunter auch den öffentlichen Äusserungen der anwesenden Aktionäre die Spitze. Heute sind die Teilnehmer dem erhöhten Redebedarf vieler Aktionäre weitgehend ablenkungsfrei ausgeliefert: Die Redelisten werden immer länger. Erschwerend kommt hinzu, dass nicht alle Redner auf der Liste Grundregeln wie das Einhalten der Redezeit, das Stellen pointierter Fragen und die kritische Reflexion des eigenen Egos beherzigen, bevor sie das Wort ergreifen.

Heute sind die Teilnehmer dem erhöhten Redebedarf vieler Aktionäre weitgehend ablenkungsfrei ausgeliefert.

Keine virtuelle GV, sondern ein «echtes» Treffen

Die GV soll dennoch weiterhin die Möglichkeit eines direkten Austauschs zwischen Aktionär und Unternehmensspitze bieten. Sie stellt vielfach die einzige Möglichkeit dar, mit dem gesamten Verwaltungsratsgremium zu kommunizieren, während unterjährig oftmals nur Vorstand und ggf. der VRP zum Austausch zur Verfügung stehen. Auch wenn die virtuelle GV inzwischen juristisch möglich ist, kann diese nicht den echten Kontakt zwischen Unternehmensspitze und Aktionär ersetzen. Sie würde zudem Multiplikationswirkungen im Saal und gegenüber Medien einschränken und damit die Aktionärsdemokratie schwächen. Das mediale Echo stärkt unsere Aktionärskultur – auch im Sinne der Unternehmen. Also was tun? Die Generalversammlung soll nicht abgeschafft werden, so wie es aktuell aus den Reihen einiger grosser Index-Fonds lautet, sondern zum Besseren modifiziert werden.

Die GV soll auch in Zukunft die Möglichkeit eines direkten Austauschs zwischen Aktionär und Unternehmensspitze leisten.

Was Unternehmen tun können, um die GV attraktiver zu gestalten:

– Kosteneinsparungen begrenzen, z.B. beim Ticket für den Nahverkehr, bei der Location, beim Catering und bei der Ausgestaltung insgesamt
–    Eventcharakter stärken und das Unternehmen, seine Produkte, das Management «anfassbar» machen
–    Proaktiv den Dialog mit institutionellen Investoren im Vorfeld suchen und diese von der Notwendigkeit der Abstimmung überzeugen
–    Rederecht strukturieren und zeitlich beschränken, die GV insgesamt straffen, d.h. auch Verwaltungsrat und Management mit begrenzter Redezeit
–    Authentische Antworten anstatt juristischer Worthülsen, Management-Aktionäre-Dialog anstatt Monologen, die Rolle des Versammlungsleiters stärken
–    Keine Verlagerung ins Internet, sondern Festhalten an «echtem» Treffen und Austausch