Dr. Dominique Bie­der­mann

pro­movierte an der Uni­ver­sität Genf in Wirtschafts­wissenschaften. Er wirk­te 1997 bei der Grün­dung der Ethos Stiftung mit und war von 1998 bis im Juni 2015 deren Direk­tor. Seit­dem ist er Präsi­dent des Stiftungsrats von Ethos und des Ver­wal­tungsrats von Ethos Ser­vices

kap­i­tal­markt

Nachhaltig anlegen heisst auch Aktionärsrechte ausüben

Von Dominique Bie­der­mann / Illus­tra­tion: Anne Lück

Insti­tu­tionelle Anleger wen­den zunehmend einen langfristi­gen Ansatz bei der Ver­mö­gensver­wal­tung an. Dies führt dazu, dass immer öfter nicht nur reine Finanz­pa­ra­me­ter, son­dern auch Umwelt-, Sozial- und Cor­po­rate-Gov­er­nance-Kri­te­rien in den Anlage­prozess inte­gri­ert wer­den. Zudem kom­men Inve­storen ver­mehrt zur Erken­nt­nis, dass sie ein Inter­esse daran haben, ihre Aktionärsrechte aktiv auszuüben, um zu ein­er guten Bew­er­tung der Titel in ihrem Port­fo­lio beizu­tra­gen.

Ein nach­haltiger Investi­tion­sansatz beruht auf zwei sich ergänzen­den Etap­pen: der Tite­lauswahl im Port­fo­lio und der aktiven Ausübung der Aktionärsstimm­rechte.

Der erste Schritt beste­ht in ein­er klaren Def­i­n­i­tion des Anlage­u­ni­ver­sums. Hier­bei muss entsch­ieden wer­den, ob es sin­nvoll wäre, gewis­se Branchen auf­grund ihrer Unvere­in­barkeit mit den Wertvorstel­lun­gen der End­begün­stigten auszuschliessen. So wird es beispiel­sweise für einen Investor aus dem Kirchen­bere­ich eben­so schwierig sein, eine Anlage in unkon­ven­tionelle Waf­fen zu recht­fer­ti­gen, wie für die Pen­sion­skasse eines Spi­tals eine Investi­tion in die Tabakin­dus­trie. Unab­hängig von der Tätigkeits­branche kön­nen auch bes­timmte Ver­hal­tensweisen der Unternehmen prob­lema­tis­ch sein. So soll­ten beispiel­sweise die Mis­sach­tung von inter­na­tionalen Abkom­men oder die Verur­sachung von erhe­blichen Umweltschä­den eines Unternehmens eben­falls zu dessen Auss­chluss führen. 

Kan­di­daten für eine dauer­hafte Anlage

Nach der Fes­tle­gung des Anlage­u­ni­ver­sums kann zur Bew­er­tung der ver­schiede­nen Unternehmen überge­gan­gen wer­den. Diese beruht nicht nur auf der klas­sis­chen Finan­z­analy­se, son­dern berück­sichtigt eben­falls Umwelt-, Sozial- und Cor­po­rate-Gov­er­nance-Kri­te­rien.
Die Ethos Stiftung unterteilt die Analy­se dieser extra­fi­nanziel­len Para­me­ter in drei The­men­grup­pen. Erstens sind dies die The­men im Zusam­men­hang mit ein­er guten Cor­po­rate Gov­er­nance. Es han­delt sich hier­bei im Wesentlichen um die Kap­i­tal­struk­tur, die Aktionärsrechte, die Zusam­menset­zung und die Funk­tion­sweise des Ver­wal­tungsrats, die Vergü­tung der Führungsin­stanzen und die Geschäft­sethik. Zweit­ens umfasst die Bew­er­tung die Her­aus­forderun­gen im Zusam­men­hang mit der Nach­haltigkeitsstrate­gie und der Nach­haltigkeits­bericht­ser­stat­tung des Unternehmens. Schliesslich wird das Ver­hält­nis des Unternehmens zu all seinen Anspruchs­grup­pen unter­sucht. Es sind dies die Mitar­bei­t­en­den, die Kun­den, die Liefer­an­ten, die Zivilge­sellschaft und die Umwelt. Nur Unternehmen, deren extra­fi­nanzielle Bew­er­tung über­durch­schnit­tlich ist, soll­ten Teil des Port­fo­lios sein.

Die für den langfristi­gen Aktionär wichti­gen The­men kön­nen nicht alle an der Gen­er­alver­samm­lung behan­delt wer­den.

Ausübung der Aktionärsrechte mit langfristiger Per­spek­tive

Ein­mal Aktionär, ist ein sozialver­ant­wortlicher Anleger dazu ange­hal­ten, sys­tem­a­tis­ch seine ver­schiede­nen Aktionärsrechte auszuüben. Zunäch­st soll­te die Ausübung der Stimm­rechte an den Gen­er­alver­samm­lun­gen auf Richtlin­ien beruhen, die wiederum auf den inter­na­tion­al anerkan­nten Prinzip­i­en guter Cor­po­rate Gov­er­nance basieren. Die Richtlin­ien sowie die daraus fol­gen­den Abstim­mungspo­si­tio­nen sind öffentlich zu kom­mu­nizieren, zumin­dest in einem speziel­len Jahres­bericht. Auch Inve­storen sind hier zur Offen­le­gung und Trans­parenz aufge­fordert.
Weit­er­hin soll­te die Ausübung der Stimm­rechte durch einen regelmäs­si­gen Dialog mit den Führungsin­stanzen ergänzt wer­den. Die für den langfristi­gen Aktionär wichti­gen The­men kön­nen näm­lich nicht alle an der Gen­er­alver­samm­lung behan­delt wer­den, da sie oft im Zuständigkeits­bere­ich des Ver­wal­tungsrats oder der Geschäft­sleitung und nicht in jen­em der Aktionäre liegen. Zudem sind die Auftrit­te an ein­er Gen­er­alver­samm­lung zeitlich beschränkt. Die Exis­tenz, Abdeck­ung und Umset­zung eines Ver­hal­tenskodex beispiel­sweise kann nur in einem frei­willi­gen Dialog­prozess mit dem Ver­wal­tungsrat the­ma­tisiert wer­den.
Ist der Dialog block­iert, kann der Aktionär weit­erge­hen­de Schrit­te in Betra­cht ziehen, um den Druck auf die Führungs­instanzen zu erhöhen. Das kann zum Beispiel ein Zusam­men­schluss mit anderen Anlegern sein, eine öffentliche Stel­lung­nah­me oder das Ein­re­ichen eines Aktionär­santrags an der näch­sten Gen­er­alver­samm­lung.

Die Bew­er­tung hängt auch von der Nachhaltigkeits­strategie und -berichter­stat­tung ab.

Anleger und Führungsin­stanzen zusam­men­brin­gen

Die Anforderun­gen eines solchen langfristi­gen und nach­halti­gen Investi­tion­sansatzes wer­den immer mehr zur Ref­erenz nicht nur für insti­tu­tionelle Anleger, son­dern eben­falls für die Geschäft­sleitung der börsenkotierten Unternehmen.
Die Inve­storen erken­nen zunehmend, dass dieser Ansatz einen inte­gralen Bestandteil der Tre­upflicht gegenüber ihren Begün­stigten darstellt. Nach­haltig anle­gen bedeutet, eine finanzielle und extra­fi­nanzielle Per­for­mance zu gewährleis­ten und gle­ichzeit­ig die Risiken zu begren­zen. Die Führungsin­stanzen der Unternehmen sehen ihrer­seits dar­in eine notwendi­ge Bedin­gung, um sich die Treue und das Ver­trauen ein­er Kern­grup­pe von Aktionären auf lange Frist zu sich­ern.