Prof. Peter Seele

ist Pro­fes­sor für Wirtschafts- ethik an der Uni­ver­sità del­la Svizzera ital­iana in Lugano. Dort leit­et er u.a. das Forschung­spro­jekt zur Glaub­würdigkeit von CSR-Bericht­en, finanziert vom Schweiz­er Nation­al­fonds. Weit­ere The­men­schw­er­punk­te sind Green­wash­ing und Pub­lic Affairs.

Zum Weit­er­lesen

Seele, Peter; Gat­ti, Lucia (2015): Green­wash­ing Revis­it­ed: In Search for a Typol­o­gy and Accu­sa­tion-based Def­i­n­i­tion Incor­po­rat­ing Legit­i­ma­cy Strate­gies. Busi­ness Strat­e­gy and the Envi­ron­ment. DOI: 10.1002/bse.1912

Lock, Iri­na; Seele, Peter (2016): The cred­i­bil­i­ty of CSR reports in Europe. Evi­dence from a quan­ti­ta­tive con­tent analy­sis in 11 coun­tries. Jour­nal of Clean­er Pro­duc­tion. 122. 186–200.

Sus­tain­abil­i­ty – Vor allem auf Ver­ständlichkeit kommt es an

Glaubwürdigkeit  im Reporting

Von Peter Seele

Gegen­wär­tig erleben wir den schmer­zlichen Ver­lust von ver­läss- lichen Infor­ma­tio­nen und Aus­sagen im soge­nan­nten «post-fak­tis­chen» Zeital­ter. Was ist wahr und was ist gel­o­gen? Wem kön­nen wir glauben? Die gegen­wär­tige Debat­te rückt allerd­ings nur eine sehr alte Frage wieder in den Blick: Gibt es über­haupt die Wahrheit? Eine Annäherung aus Reporting-Perspektive.

Die Antwort der philosophis­chen Logik ist so streng wie uner­bit­tlich: Jede Wahrheit ist tau­tol­o­gisch, bed­ingt sich also selb­st wie der tau­tol­o­gis­che Aus­druck «weiss­er Schim­mel». Doch in der täglichen Kom­mu­nika­tion müssen wir schon wis­sen, was wahr und was falsch ist, damit wir uns auf eine Infor­ma­tion ver­lassen kön­nen. Aus diesem Grund hat sich in der deutschen Sprache auch das Wort «Wahrnehmung» gebildet. Man muss etwas als wahr annehmen. «Annehmen» hat hier eine dop­pelte Bedeu­tung: Zum einen, dass ich etwas annehme im Sinne von akzep­tiere. Und annehmen im Sinne von etwas sel­ber denken, annehmen, sich zu eigen machen. Die Wahrnehmung ist also hochgr­a­dig glaubens- abhängig und dies macht die Glaub­würdigkeit ein­er Infor­ma­tion oder ein­er Per­son (oder am besten von bei­dem) so ekla­tant wichtig.

Glauben vs. Wissen 

So gese­hen ist unser Wis­sen eher ein Glauben. Der griechis­che Philosoph Pla­to hat diese Grund­de­f­i­n­i­tion von Wis­sen fest­geschrieben als «gerecht­fer­tigt wahre Annahme». Die Glaub­würdigkeit ist also die Verbindung zwis­chen eigen­em Wis­sen und äusser­er Vali­dierung dieses Wis­sens. Doch was ist eigentlich Glaub­würdigkeit? Meist beschäftigt man sich erst mit ihr, wenn sie einem abhan­denkommt. Im betrieblichen Berichtswe­sen spricht man ins­beson­dere bei Nach­haltigkeits­bericht­en von ein­er «Glaub­würdigkeit­skluft». Offen­bar haben die Öffentlichkeit und die Anspruchs­grup­pen Zweifel an der Glaub­würdigkeit der Behaup­tung von sozialer Ver­ant­wor­tung (CSR) und der tat­säch­lichen Über­nahme dieser sozialen Ver­ant­wor­tung. Und offen­bar stellen sich Unternehmen gerne (auch auf­grund von Grup­pen- und Erwartungs­druck) sozial ver­ant­wortlich dar – auch wenn das Geschäftsmod­ell vielle­icht nicht in jedem Moment sozial ver­ant­wortlich oder nach­haltig ist. Anschuldigun­gen von Green­wash­ing lassen nicht lange auf sich warten. Wie wird man also glaubwürdig? 

Das Zwei-Phasen-Mod­ell der Glaubwürdigkeit

Glaub­würdigkeit kann man erlangen

Aus Sicht der Diskursethik des Philosophen Haber­mas gibt es vier Kri­te­rien, die eine glaub­würdi­ge Kom­mu­nika­tion aus­machen. Aus­gerüstet mit dieser The­o­rie haben wir an der Uni­ver­sität in Lugano eine Nation­al­fonds-Studie zur Glaub­würdigkeit von CSR-Bericht­en durchge­führt und über 300 CSR-Berichte aus ver­schiede­nen Län­dern Europas akribisch unter­sucht. Dabei liessen wir uns von den vier Kri­te­rien der Glaub­würdigkeit – Wahrheit, Ern­sthaftigkeit, Angemessen­heit, Ver­ständlichkeit – leit­en und kon­nten die behauptete Glaub­würdigkeit­skluft empirisch bestäti­gen. CSR-Berichte sind in der Tat nicht immer sehr glaub­würdig, auch wenn Stan­dar­d­isierun­gen wie die Richtlin­ien und Indika­toren der Glob­al Report­ing Ini­tia­tive (GRI) helfen kön­nen. Im Zuge dieser Studie kon­nten wir aber auch die The­o­rie der Glaub­würdigkeit ver­fein­ern. Die Dat­en zeigen klar, dass die vier Kri­te­rien nicht gle­ich­berechtigt zueinan­der sind. In diesem Zusam­men­hang kon­nten wir das «Zwei-Phasen-Mod­ell der Glaub­würdigkeit» entwick­eln, das nicht nur für CSR-Berichte beansprucht wer­den kann (siehe Abbil­dung). Dem­nach ist das erste und wichtig­ste Kri­teri­um die Ver­ständlichkeit. Wer nicht ver­ständlich kom­mu­niziert, kann die Glaub­würdigkeit auch nicht mehr durch Berück­sich­ti­gung der anderen drei Kri­te­rien her­stellen. Erst wenn man ver­standen wird, kommt es auf die drei weit­eren Kri­te­rien wie Wahrheit, Ern­sthaftigkeit und Angemessen­heit an, damit man als glaub­würdig ange­se­hen und aufgenom­men wird.