Prof. Dr. Thomas Bernd

ist Inhab­er des Lehrstuhls für Rech­nungsle­gung und Direk­tor am Insti­tut für Finanzwis­senschaft, Finanzrecht und Law and Eco­nom­ics der Uni­ver­sität St. Gal­len.

Dr. Anke Gerd­ing

absolvierte das Dok­torat­spro­gramm in Betrieb­swirtschaft­slehre an der Uni­ver­sität St. Gal­len. Sie ist eidg. diplomierte Wirtschaft­sprüfer­in und im Con­trol­ling eines börsenkotierten Indus­trie­un­ternehmens tätig.

Juni 2017


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Effizien­tes Finanzre­port­ing: Reduc­ing to the Max
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Prof. Dr. Thomas Berndt, Daniel Bösiger (Georg Fis­cher) und Dr. Anke Gerd­ing erläutern auf Grund­lage ein­er Studie der Uni­ver­sität St. Gal­len, welche Finanz­in­for­ma­tio­nen für Anleger und Ana­lysten wirk­lich rel­e­vant sind. In der Best Prac­tice Ses­sion am GB-Sym­po­sium 2017 erfahren Sie, was sin­nvolles «reduc­ing to the max» bedeutet. 

FINANCIAL REPORTING

Anhangsangaben — Regulatorische Pflichtübung oder auch nützlich für Investoren?

Von Thomas Berndt & Anke Gerd­ing

Nationale Geset­zge­ber und inter­na­tionale Stan­dard­set­zer sehen den Anhang als inte­gralen Bestandteil der Rech­nungsle­gung. Der True and Fair View ergibt sich erst aus dem Gesamt­bild von Bilanz, Erfol­gsrech­nung und Anhang. Obwohl reg­u­la­torisch verpflich­t­end, ist der Infor­ma­tion­swert der Anhangsangaben in The­o­rie und Prax­is äusser­st umstrit­ten.

Für viele Abschlusser­steller ist der Anhang eine aufwendi­ge und kost­spielige Pflichtübung, dessen Bedeu­tung weit hin­ter den schein­bar harten Fak­ten der Bilanz- und Erfol­gsrech­nungszahlen liegt. Dage­gen beto­nen ger­ade Stan­dard­set­zer wie IASB und FASB die Bedeu­tung der Anhangsangaben und erhöhen deren Umfang durch neue Offen­le­gungsan­forderun­gen stetig.

Ist die Erstel­lung des Anhangs also tat­säch­lich nur ein notwendi­ges Übel mit begren­ztem Infor­ma­tion­snutzen für eine kleine, ver­ständi­ge Leser­schaft oder wird seine Bedeu­tung für die finanzielle Entschei­dungs­find­ung schlichtweg unter­schätzt?

Zur Beant­wor­tung dieser Frage wur­de an der Uni­ver­sität St. Gal­len eine Studie durchge­führt. 266 Inve­storen und Finan­z­an­a­lysten gaben Auskun­ft zu ihrer Infor­ma­tion­snutzung. Ent­ge­gen der ver­bre­it­eten Skep­sis sprachen 91% der Teil­nehmer dem Anhang eine klare Auf­gabe als bedeu­ten­de Infor­ma­tion­s­grund­lage von Investi­tion­sentschei­dun­gen zu. Die Mehrheit ver­bringt immer­hin min­destens eine Stun­de mit der Analy­se ein­er einzel­nen Jahres­rech­nung – davon über eine hal­be Stun­de mit dem Anhang.

Qual­ität und Ver­lässlichkeit statt Quan­tität

Dieser Zeitrah­men mag kurz erscheinen. Der Detail­re­ich­tum viel­er Anhänge über­fordert selb­st manch pro­fes­sionel­len Investor – viele andere Anspruchs­grup­pen ohne­hin. So bele­gen die Stu­di­energeb­nis­se den primären Wun­sch nach Qual­ität und Ver­lässlichkeit der im Anhang enthal­te­nen Infor­ma­tio­nen, wohinge­gen deren Quan­tität als zweitrangig erachtet wird. Ein stärk­er­er Fokus der Ersteller auf die Ver­mit­tlung wirk­lich wesentlicher Infor­ma­tio­nen ist also gefordert.

Es stimmt auch: Die Entschei­dung, welche Infor­ma­tio­nen aus Adres­saten­sicht bedeut­sam sind und welche nicht, ist keine leichte. Die befragten Inve­storen und Finan­z­an­a­lysten schätzen ins­beson­dere grundle­gen­de Infor­ma­tio­nen zu Wertschöp­fung und Ertragskraft, zur Organ­i­sa­tion des Unternehmens und zu spez­i­fis­chen Unternehmen­srisiken. Hierun­ter fal­l­en etwa erweit­erte Infor­ma­tio­nen zur Geld­flussrech­nung, die Seg­ment­berichter­stat­tung sowie Erläuterun­gen zu Verän­derun­gen der Unternehmensstruk­tur. Auch zusät­zliche Infor­ma­tio­nen zu mass­ge­blichen Bilanz- und Erfol­gsrech­nungspo­si­tio­nen sind gefragt.

Die Kom­plex­ität des Anhangs lässt sich hinge­gen durch die Reduk­tion entschei­dungsir­rel­e­van­ter Aus­sagen senken – etwa durch das Weglassen all­ge­mein bekan­nter Grund­sätze in der Zusam­men­fas­sung bedeu­ten­der Rech­nungsle­gungs­stan­dards oder von Sachver­hal­ten mit geringer finanzieller Trag­weite. Mit der Anpas­sung von IAS 1 im Rah­men der Dis­clo­sure Ini­tia­tive unter­stützt das IASB die bewusste Anwen­dung von Mate­ri­al­itäts­gren­zen und fördert die Flex­i­bil­ität in der Anord­nung der Infor­ma­tio­nen, um Anhänge leser­fre­undlicher zu gestal­ten.

Zusam­men­wirken von Erstellern, Stan­dard­set­zern und Adres­saten

Während Ersteller – ger­ade mit der Wahl eines angemesse­nen Rech­nungsle­gungs­stan­dards – die Aus­gestal­tung des Anhangs und somit dessen Infor­ma­tion­snutzen aktiv bee­in­flussen, sind sie hier­für nicht allein ver­ant­wortlich. Die Stan­dard­set­zung muss auf die Bedürfnis­se der rel­e­van­ten Anspruchs­grup­pen aus­gerichtet sein und soll­te daher Inve­storen und Ana­lysten stark in den Stan­dard­set­zung­sprozess ein­beziehen. Die For­mulierung ein­deutiger, leicht ver­ständlicher Stan­dards – oder in Zukun­ft gar eines gebün­del­ten Stan­dards zum Anhang – bildet die Basis ein­er opti­mierten Berichter­stat­tung. Adres­saten kön­nen den indi­vidu­el­len Infor­ma­tion­snutzen eben­falls erhöhen, etwa indem sie durch die Nutzung zusät­zlicher Infor­ma­tion­skanäle ein ver­tieftes Ver­ständ­nis für das Unternehmen und sein Umfeld erlan­gen. Auch die Offen­heit für elek­tro­n­is­ch auswert­bare Infor­ma- tio­nen – etwa im Rah­men von XBRL – kann die Effizienz der Infor­ma­tion­s­analy­se erhöhen. 

Die Umfrageergeb­nis­se zeigen, dass der Anhang mehr ist als eine Pflichtübung. Er ist für Inve­storen und Finan­z­an­a­lysten dur­chaus von hohem Infor­ma­tion­swert. Eine verbesserte, auf das Wesentliche reduzierte Infor­ma­tion­sof­fen­le­gung kann daher pos­i­tive wirtschaftliche Effek­te erzeu­gen. So kön­nen die Adres­saten Effizien­zgewin­ne in der Unternehmen­sanaly­se und eine erhöhte Prog­nosege­nauigkeit erlan­gen. Auf Unternehmens- und Mark­tebene wären etwa gerin­gere Kap­italkosten und eine gesteigerte Liq­uid­ität zu erwarten, da Inve­storen auf Basis ein­er verbesserten Infor­ma- tion­sof­fen­le­gung ein­facher und mit erhöhter Sicher­heit agieren kön­nen. Unter diesen Voraus­set­zun­gen soll­te es nicht mehr heis­sen: «Wer schaut schon in den Anhang?», son­dern vielmehr: «Wer nicht in den Anhang hinein­schaut, ist sel­ber schuld, wenn er schlechtere Entschei­dun­gen trifft!»

So erstel­len Sie einen adres­saten­fre­undlichen Anhang

– Nutzen Sie den Anhang aktiv als Kom­mu­nika­tion­sin­stru­ment mit Inve­storen und Ana­lysten.

– Wäh­len Sie einen der Inve­storen­struk­tur angemesse­nen Rech­nungsle­gungs­stan­dard und wen­den diesen ver­lässlich und ver­gle­ich­bar an.

– Leg­en Sie beson­deren Wert auf die Ver­mit­tlung grundle­gen­der Infor­ma­tio­nen zu Wertschöp­fung und Ertragskraft, zur Organ­i­sa­tion des Unternehmens und zu spez­i­fis­chen Unternehmen­srisiken.

– For­mulieren Sie Ihre Infor­ma­tio­nen präzise und nutzen (legale) Rech­nungsle­gungsspiel­räume, wie Wesentlichkeit­süber­legun­gen, zur Kom­plex­ität­sre­duk­tion.

– Ergänzen Sie Infor­ma­tio­nen durch frei­willige Offen­le­gun­gen, wenn diese von beson­der­er Bedeu­tung sind.

Die gesamten Umfrageergeb­nis­se find­en sich im Buch «Infor­ma­tion­swert des Anhangs zur Jahres­rech­nung: Kom­plex­ität­sre­duk­tion und Steigerung des Nutzens finanzieller Infor­ma­tio­nen» von Dr. Anke Gerd­ing.